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Experteninterview: So wird KI die Zukunft im Rechnungswesen und Controlling verändern

6. Februar 2020
Ulrike Zimmermann

Neue Studie untersucht KI-Erwartungen

Mittelständische Entscheider sehen sich noch ganz am Anfang in Sachen künstliche Intelligenz. Das ist ein Kernergebnis der aktuellen Studie "Wer wollen wir sein? Der kaufmännische Bereich erfindet sich neu", die von Diamant Software durchgeführt wurde. Was ist heute schon mit künstlicher Intelligenz möglich und was können wir zukünftig noch von der Zukunftstechnologie im Rechnungswesen und Controlling erwarten? Die Experten Prof. Dr. Christian Faupel (Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe) und Martin Rückert (CAIO, Diamant Software) beantworten die wichtigsten Fragen im Interview.

Durch künstliche Intelligenz werden sich die Aufgaben im Rechnungswesen und Controlling nachhaltig verändern. Aber welche Vorteile liefert KI konkret?

Prof. Dr. Christian Faupel (Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe)

Prof. Faupel: Die Fähigkeit eines Systems, abgegrenzte Aufgabenstellungen „intelligent“ zu lösen und sich dabei ohne menschliches Eingreifen über die Zeit selbstständig zu verbessern, kann beispielsweise bei Standard-Forecasts im Rechnungswesen und Controlling eingesetzt werden. Konkrete Vorteile hierbei sind eine Zeitersparnis bei der Erstellung, aber auch eine Verbesserung in der Genauigkeit von Planzahlen. Voraussetzung dafür sind allerdings eine hohe Datenqualität sowie die verfügbaren Datenmengen. Sowohl die Pflege von (Stamm)-Daten als auch das kontinuierliche und korrekte Sammeln von Daten stellt die Unternehmen im Mittelstand häufig noch vor Probleme.

Welche manuellen Tätigkeiten lassen sich heute schon dank KI smarter gestalten?

Martin Rückert (CAIO, Diamant Software)

Martin Rückert: KI wird momentan stark durch maschinelles Lernen getrieben, also basierend auf vorhandenen Daten. Was nicht direkt aus Daten zu erlernen ist, ist mit den meisten momentan in der KI benutzten Verfahren nur schwer abzubilden. Beispiele hierfür sind etwa externes Wissen über Gesetze, grundsätzliche Arbeitsweisen oder Allgemeinwissen.

Grundsätzlich sind alle Prozesse geeignet für eine Automatisierung durch KI, die große Mengen an Vorgangsdaten erzeugen. Dabei ist dann oftmals die Herausforderung, komplexe, nicht-lineare Muster zu erkennen. Ein klassischer Anwendungsfall im Rechnungswesen wäre das automatische Erkennen und Auslesen von Rechnungs- und Belegdaten von Papier oder PDF-Dokumenten. KI könnte aber schon bald Vorhersagen treffen, etwa mit welchen Wahrscheinlichkeiten Forderungen nicht nachgekommen wird oder Cashflow-Vorhersagen in Abhängigkeit von offenen Forderungen und Verbindlichkeiten. Auch die Bereitstellung von sprachgesteuerten Assistenzsystemen gehört in das Feld der KI. Diese erledigen auf Zuruf sich wiederholende und langwierige Aufgaben in Millisekunden, um den Nutzern Zeit für komplexere, anspruchsvollere Tätigkeiten zu geben.

🛈   Maschinelles Lernen: Wissen aus Erfahrung generieren

Ein künstliches System erkennt in einer Sammlung an Trainingsdaten Muster und Gesetzmäßigkeiten. Nach Abschluss des Trainings kann das System auch unbekannte Daten durch Verallgemeinerung beurteilen. Gut zu wissen: Wie im echten Leben kann dieser Lernprozess auch scheitern.

Und was können wir in Zukunft von KI erwarten? Gibt es Ausbaustufen?

Martin Rückert: Es ist zu erwarten, dass komplexe Tätigkeiten in naher Zukunft komplett über KI-Algorithmen abbildbar sein werden. Maschinen werden besser im Erlernen von Aufgaben. Besseres Erlernen bedeutet: weniger Zeit, weniger Beispiele und Maschinen verwenden bereits Erlerntes effektiver für andere Aufgaben. Dadurch werden Maschinen robuster in ungewöhnlichen Situationen oder bei unvollständiger Datenlage. Konkret hilft uns das beim Vorhersagen von Kennzahlen.

Wie werden sich die Anforderungen an heutige Buchhalter und Controller durch KI verändern?

Prof. Faupel: Das erwartete Kompetenzprofil und die Aufgaben eines Controllers haben sich durch die Digitalisierung stark erweitert. Neben den klassischen Erwartungen, wie beispielsweise dem analytischen Denken, werden heute vom Controller u. a. Technologiekompetenzen (Stichwort Business Intelligence, KI, etc.), statistische Kenntnisse für Big Data-Analysen und viele kommunikative Kompetenzen im Rahmen seiner Business-Partner-Rolle abverlangt. Vor diesem Hintergrund haben Controller in Zukunft mehr, aber anspruchsvollere Aufgaben. Dazu passt eine 2019 publizierte Studie, die zeigt, dass Controller im Vergleich zum allgemeinen Arbeitsplatzzuwachs in den vergangenen Jahren überproportional eingestellt wurden.

Viele Mitarbeitende im Rechnungswesen und Controlling sehen den Einsatz von KI kritisch. Sie sehen ihren Job durch den Megatrend bedroht. Hat KI ein Akzeptanzproblem?

Prof. Faupel: Jede Art der Veränderung hat zunächst Akzeptanzprobleme, wie wir aus zahlreichen Change-Management-Projekten wissen. Neben der allgemeinen Verunsicherung existieren zwei Faktoren, die aus meiner Sicht zu Akzeptanzproblemen speziell im Bereich der KI führen (werden). Zum einen sind auch Entscheidungen auf Basis von Algorithmen nicht fehlerlos, auch wenn Sie in der Gesamtmenge von Entscheidungen zu besseren Ergebnissen kommen. Zum anderen sind Ansätze auf Basis des maschinellen Lernens in gewisser Weise intransparent. Es ist im Regelfall im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar, wie ein durch ein maschinelles Lernen trainierter Algorithmus zu seinem Ergebnis kommt. Insofern verwundert es nicht, dass abgesehen von Rationalisierungsaspekten Misstrauen gegenüber künstlicher Intelligenz und ihrem Teilgebiet, dem maschinellen Lernen besteht.

Martin Rückert: Die aktuelle Diamant-Studie unterstreicht, dass Anwender verstärkt die Vorteile von KI wahrnehmen. KI bedroht im Rechnungswesen und Controlling keine Jobs, sondern macht sie in Zeiten von Personaleinsparungen, die nicht durch den Einsatz von KI hervorgerufen werden, überhaupt erst machbar. Ein weiterer Punkt ist nicht zu vergessen: die Nutzung von KI macht ein Unternehmen wettbewerbsfähiger und sichert die Existenz – und damit natürlich auch die Arbeitsplätze.

Wie geht der Mittelstand mit der digitalen Wende um? Welche Herausforderungen müssen Mittelständler in Bezug auf Rechnungswesen und Controlling meistern, um perfekt für die digitale Wende gerüstet zu sein?

Prof. Faupel: Neben der Basis für den Einsatz von KI, einer strukturierten Datengrundlage, ist die Verfügbarkeit von Mitarbeitern mit Know-how und Verständnis von künstlicher Intelligenz und Datenanalyse eine notwendige Voraussetzung. Dabei ist es auf dem kompetitiven Arbeitsmarkt für Mittelständler deutlich schwieriger, das für die Digitalisierung notwendige Wissen und die Kapazitäten zu schaffen. Darüber hinaus muss eine kulturelle Akzeptanz für dieses Thema, angefangen bei der obersten Führungsebene, in den Unternehmen vorhanden sein, damit die digitalen Herausforderungen gemeistert werden können.

 

studie-ki-titel

Studie: KI & Automatisierung im Rechnungswesen und Controlling

Aktuelle Erkenntnisse fasst die Studie "Wer wollen wir sein? Der kaufmännische Bereich erfindet sich neu." zusammen.

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Ein Beitrag von
Ulrike Zimmermann
Das Rechnungswesen wird oft unterschätzt und erhält nicht die Wertschätzung, die es verdient - Das zu ändern hat sich Ulrike Zimmermann vorgenommen. Sie schreibt im Diamant Blog zu den Themen Digitalisierung von Prozessen, Automatisierung und KI im Rechnungswesen sowie zur Weiterentwicklung des Controllings.

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