Rollenwandel in der Buchhaltung: Wie AI-Agenten und neue Regularien die Arbeit verändern

Holger Dülberg Holger Dülberg
23.08.2026
Lesezeit 5 min

Zwei Kräfte verändern gerade gleichzeitig den Alltag in der kaufmännischen Abteilung: Auf der einen Seite übernimmt AI zunehmend Aufgaben in der Buchhaltung. Auf der anderen Seite wachsen die regulatorischen Anforderungen weiter – etwa durch die E-Rechnungspflicht oder fortlaufende Anpassungen der GoBD. Beides gemeinsam verändert das Tätigkeitsprofil von Buchhalterinnen und Buchhaltern spürbar. Was das im Detail bedeutet und wie sich die Rollen im Rechnungswesen dadurch verändern, zeigt dieser Beitrag. 

Warum sich die Rolle der Buchhaltung gerade jetzt verändert 

Belegerfassung, Kontierung, Mahnwesen, Kontenabstimmung: Viele Tätigkeiten in der Finanzbuchhaltung sind heute noch stark manuell geprägt – zeitintensiv und fehleranfällig zugleich. Genau hier setzen agentische KI-Lösungen an, wie sie im Rahmen von Agentic Finance & Controlling beschrieben werden: Software, die definierte Arbeitsschritte vorgabenbasiert und nachvollziehbar übernimmt.

Gleichzeitig verschärft sich der regulatorische Rahmen. Die schrittweise eingeführte E-Rechnungspflicht sowie fortlaufende Konkretisierungen der GoBD verlangen von Rechnungswesen-Teams, Prozesse fortlaufend anzupassen und sauber zu dokumentieren. Beide Treiber – Technologie und Regulatorik – wirken in dieselbe Richtung: weg von manueller Routine, hin zu mehr Steuerung und Kontrolle. 

Was der Agent übernimmt und was beim Menschen bleibt 

Ein verbreitetes Missverständnis ist: Agentische KI würde Buchhaltung vollständig ersetzen. Tatsächlich werden die notwendigen Aufgaben nicht gestrichen, sie werden überwiegend autonom von Agenten übernommen. Der Agent führt aus, der Mensch steuert und entscheidet in Zweifelsfällen. 

Rollenwandel in der Buchhaltung: Der manuelle Sachbearbeiter wird zum Operator und Supervisor

Die Entscheidungshoheit bleibt dabei durchgehend beim Menschen. Genau dort, wo eine fachliche Einschätzung nötig ist, eskaliert der Agent an eine zuständige Person – etwa bei ungewöhnlichen Sachverhalten oder Freigaben, die zwingend von einem Menschen erfolgen sollen.  

Kurz erklärt: Human-in-the-Loop Ein Prinzip, nach dem AI-Agenten zwar Routineschritte selbstständig ausführen, fachliche Entscheidungen aber weiterhin von Menschen getroffen werden. Jeder Schritt bleibt dokumentiert und nachvollziehbar – eine Voraussetzung für auditfeste Prozesse. 

Definition: Human in the Loop

Prozesse, die sich durch den AI-Agenten verändern

Prozess

Bisher (manuell)

Zukünftig (agentisch unterstützt)

Rechnungsstellung

  • Offene Posten manuell abgleichen

  • Mahnwesen reagiert erst nach Fristüberschreitung

  • Liquiditätssicht nur über separate Excel-Auswertung

  • Agent überwacht Zahlungseingänge und gleicht offene Posten in Echtzeit ab

  • Agent mahnt kontextbasiert und lernt das individuelle Zahlungsverhalte

Reporting und Analyse

  • Berichte manuell erstellen und zusammenstellen

  • Daten erst aufwendig für die Analyse aufbereiten

  • Kostenrechnung isoliert von anderen Datenquellen betrachten

  • Kennzahlen ohne Erklärung der zugrunde liegenden Ursachen

  • Agent erstellt Berichte auf Zuruf – vom Prompt zum fertigen Bericht in Sekunden

  • Agent liefert direkt individuelle, analysefertige Auswertungen

  • Agent verknüpft Kostenrechnung mit dem breiteren Treiberkontext

  • Agent erkennt Muster und Treiber proaktiv, statt nur Zahlen zu liefern

Planning

  • Planung top-down in Excel

  • Szenarien nur mit externer Consulting-Unterstützung möglich

  • Forecast vom aktuellen Ist-Stand entkoppelt

  • Agent plant direkt im System, Excel-Silos lösen sich auf

  • Agent simuliert Szenarien selbstständig

  • Agent aktualisiert Forecasts kontinuierlich auf Basis aktueller Ist-Daten

Der rote Faden: Weniger Dateneingabe, mehr Prüfung, Ausnahme-Handling und Prozessverständnis über den einzelnen Buchungssatz hinaus.

Rollenwandel im Controlling: Vom Datenaufbereiter zum AI-enabled Business Analyst

Was kaufmännische Entscheider*innen künftig abgeben und was nicht

Auch auf Führungsebene verschiebt sich die Aufgabenteilung. Klassische Aufgaben wie Finanzplanung, Budgetierung und Berichtswesen bleiben bestehen - verändert sich aber in der Art der Bearbeitung:

  • An den Agenten geht: Datenaggregation für Reports, Ad-hoc-Auswertungen, Abweichungs- und Anomalieerkennung im Budget, Vorbereitung von Forecasts.

  • Beim Menschen bleibt: Die Interpretation der Ergebnisse, die strategische Bewertung und die letztendliche Entscheidung.

Diese Aufteilung liegt dem Konzept eines AI-Co-CFO zugrunde: Der Agent liefert die analytische Grundlage, die Einordnung und Entscheidung bleibt Aufgabe der kaufmännischen Führung.

Entsteht eine neue Rolle?

Ob sich daraus ein eigenständiges neues Berufsbild entwickelt, lässt sich heute noch nicht abschließend beantworten. Ein Hinweis darauf liefert ein aktueller Report des Top Employers Institute (Mai 2026, Datenbasis: knapp 2.500 zertifizierte Top-Arbeitgeber weltweit): Er beschreibt mit dem Begriff „AI Orchestrator“ - manchmal auch KI Opterator genannt - ein neu entstehendes, branchenübergreifendes Jobprofil. Gemeint sind Mitarbeitende, die mithilfe von AI-Systemen die Leistung kleiner Teams erbringen, indem sie Workflows koordinieren, statt Einzelaufgaben nacheinander abzuarbeiten.

Für die kaufmännische Abteilung lässt sich diese Entwicklung als plausible Richtung einordnen, nicht als feststehende Tatsache: Aus der Buchhalterin bzw. dem Buchhalter, die oder der heute einzelne Buchungen bearbeitet, könnte perspektivisch eine Rolle werden, die kaufmännische Geschäftsprozesse definiert, über KI-Agenten erledigen lässt und deren laufende Ausführung überblickt, steuert und verantwortet.

Zusammenfassung

Der Rollenwandel in der Buchhaltung wird durch zwei parallele Entwicklungen angetrieben: agentische AI-Unterstützung und wachsende regulatorische Anforderungen. Beides verschiebt Tätigkeiten von der manuellen Ausführung hin zu Steuerung, Kontrolle und fachlicher Entscheidung. Die Entscheidungshoheit bleibt dabei durchgehend beim Menschen – Agenten übernehmen Routine, nicht die Verantwortung. Wie diese Prozesse dabei auditfest und regelkonform bleiben, zeigt der nächste Beitrag dieser Serie zu GoBD, NIS2 und BSI C5 (Link folgt nach Veröffentlichung von Artikel 2 der Serie).

Mehr zum größeren Zusammenhang, in dem dieser Rollenwandel steht, ist auf der Themenseite Agentic Finance & Controlling sowie auf der Themenseite KI im Rechnungswesen zusammengefasst.

Häufige Fragen zum Rollenwandel in der Buchhaltung

Werden Buchhalter*innen durch AI ersetzt? Nicht die Rolle als Ganzes, wohl aber viele einzelne Tätigkeiten darin. AI-Agenten nehmen vor allem wiederkehrende, standardisierte Arbeitsschritte ab. Die fachliche Einschätzung, das Prüfen von Sonderfällen und die letzte Freigabe bleiben weiterhin in menschlicher Hand.

Welche neuen Kompetenzen werden in der Buchhaltung wichtig? Insbesondere die Fähigkeit, Agenten-Vorschläge fachlich zu prüfen, Ausnahmefälle zu erkennen und Prozesse end-to-end statt nur einzelne Buchungsschritte zu verstehen.

Wie hängen E-Rechnungspflicht und AI-Agenten zusammen? Beide erhöhen den Bedarf an strukturierten, sauber dokumentierten Prozessen. AI-Agenten können dabei unterstützen, die wachsenden formalen Anforderungen effizient einzuhalten.

Was passiert, wenn ein Agent in der Buchhaltung einen Fehler macht? Auditfeste Prozesse sehen vor, dass Abweichungen und Auffälligkeiten protokolliert und an eine zuständige Person eskaliert werden, bevor eine endgültige Buchung erfolgt.

Entsteht durch AI-Agenten ein neues Berufsbild in der Buchhaltung? Das lässt sich heute noch nicht abschließend sagen. Branchenübergreifende Studien beobachten mit Begriffen wie „AI Orchestrator“ bereits eine Verschiebung hin zu koordinierenden statt ausführenden Tätigkeiten – eine Entwicklung, die sich auch in der kaufmännischen Abteilung abzeichnen könnte.

Warum ist die IT bei der Einführung von AI-Agenten so früh eingebunden? Weil die Zuverlässigkeit eines Agenten stark von einer sauberen Systemanbindung und sauberen Daten abhängt. Offene Schnittstellen und ein klares Berechtigungskonzept werden daher schon in der Planungsphase geprüft, nicht erst zur technischen Abnahme.

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